Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 42/07 vom 17.10.2007

Waldheim und kein Ende. Anfang Oktober 1987 brachte der Falter einerseits auf dem Cover das Bild jener Rosenzüchtung, die den Namen "Dr. Kurt Waldheim" trug - offenbar bedeutete bereits die Existenz einer so benannten Blume einen Skandal. Der Stanford-Germanist Russel Berman wurde zum Thema "Vom Kleinen Hans zum Großen Kurt" befragt. Und der Schriftsteller Robert Menasse schrieb einen sich über drei Seiten erstreckenden Essay über den postmodernen Waldheim.

Waldheim hatte ein Geheimnis, und Menasse hatte es entdeckt. W. war in Wahrheit eine Figur namens Heinrich Zienhammer aus dem unvollendeten Roman "Der Grenzwald" von Heimito von Doderer.

Menasse: "Zienhammer kommt aus dem Krieg zurück und setzt seine Beamtenkarriere nahtlos fort, in den - Doderer -, Schleimfäden seiner Interessen vor einem immer offen gehaltenen Hintergrund'.

Bis Jahre später Zienhammers Verhalten im Krieg thematisiert wird und sich eine Katastrophe anbahnt. Zienhammer lügt, merkte Doderer an, aber er lügt nicht mit dem, was er sagt, sondern in dem, was er nicht sagt.

Zienhammer, so Doderer weiter,, ist ein wahrer Repräsentant unserer Zeit: ein Mann der routinehaften, impotenten Wurstigkeit, unansprechbar, aber auch unangreifbar: es ist daher ganz selbstverständlich, dass er siegt und dass er vernichtet, was sich ihm in den Weg stellt.'

Bekanntlich lesen wir Bücher in verschiedenen Zeiten auf verschiedene Weise. Diesen Roman heute zu lesen, ohne an Waldheim zu denken, ist fast unmöglich. Ebenso unmöglich, jetzt an Waldheim zu denken und ihn nicht als wandelndes Zitat zu sehen … Fast zweifle ich daran, dass es Waldheim überhaupt gibt." A. T.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige