Phettbergs Predigtdienst

Auinger las Bernhard

Stadtleben | aus FALTER 43/07 vom 24.10.2007

Der Philosoph Thomas Auinger las von 15 Uhr bis 0.45 Uhr den Roman "Das Kalkwerk" von Thomas Bernhard. Also einer hatte die Kalkwerksbesitzerin, die gleichfalls seine Gattin ist, erstochen. Beiden gehört das aufgelassene Kalkwerk. Widerstandslos ließ er sich dann von der Polizei abführen. Er hatte alles restliche Geld abgehoben, zuvor eben dieses aufgelassene "Kalkwerk" mit seiner Frau gekauft. Und als ihm die Bank kein Geld mehr gab, war Schluss mit lustig. Gegen Ende färbelte er das gesamte Kalkwerk innen, wo sie wohnten, schwarz an. Inklusive eines Teils seiner Gattin und ihres Bettes. Und in diesem Ambiente hat er sie dann, offensichtlich umnachtet, erstochen. Alles Geld war dahin. Das Kalkwerk wird versteigert werden. Aussichtslosigkeit überall. Auinger las vollkommen unprätentiös. Wie du das Telefonbuch verlesen würdest. Wie wenn dein Sady dir befiehlt, das Telefon vorzulesen. Ungefähr so wunderbar (ich meine das positiv!) las Auinger den Roman. Weil die Nacht lang ist. Und alle Spiele verbraucht sind. Und deinem Sady fällt nix mehr ein. Es könnte aber sein, dass es "die Zügel" zu locker ließ? Unglaublich himmlische Herren saßen auch im Auditorium und fesselten mich parallel. Einer hatte sogar aus einem Flugzeug eine Verlängerung geklaut. Wenn du zu dick bist, brauchst du zum Anschnallen eine "Verlängerung", darum kenne ich sie. Aber er war so schlank, dass er die Verlängerung klaute, und sich darum einen Riemen machte für seine Hosen zum Festzurren seiner selbst! So ist die Welt. Der eine braucht, um sich überhaupt in einen Flugzeugsitz zwängen zu können, eine Verlängerung, der andere braucht diese Verlängerung nur versehentlich mitnehmen und hat dann den fetischistischsten Gürtel. Mit einer kleinen Schlaufe selbst verbunden, trug er sie deutlich sichtbar am Leib. Und machte mich wahnsinnig damit.

Eine stillgelegte Schmiede, im diagonalen Häuserblock von meinem, nennt sich nun "Projekt 33" und liegt eben in der Stumpergasse 33. Musik und Mode und sonstige Künste entstehen dort. Und diesmal eben las Auinger Thomas Bernhard. Die meisten Leute, die überhaupt nicht fesseln können, lesen Literatur vor. Entweder du bist ein absolutes Vorlesegenie. Oder du mühst dich eben absolut nicht, etwas vorzulesen. Der blitzgescheite, graduierte Auinger war eben nicht in diese Falle getappt. Das Problem eben ist, dass die Nichtgenies niemals merken können, dass sie keine Genies sind. Statt dass sie glücklich darüber sind, wären sie gerne ein Vorlesegenie. Von Bernhard infiziert, dieser Text, natürlich elend arm im Verhältnis zu Texten von ihm. Die Ärmsten wissen ja nicht, wie schrecklich ihr Leben dann verliefe. Borderline zwischen Wahnsinn und Genie rast dann das Leben dahin. Und Tag und Nacht musst du alles tun, um nur ja die Zügel nicht aus der Hand zu geben. Fast genauso lang schrieb ein Schreibender, der mich gleichfalls fesselte, und bis zum Rande des Wahnsinns damit trieb. Während Auinger rezitiert, tippte und tippte er ebenfalls Text! Solcher Art sind die Zufälle des Lebens!

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige