Phettbergs Predigtdienst

Torschlusspanik

Stadtleben | aus FALTER 47/07 vom 21.11.2007

Wie jedes "bürgerliche" Jahr geht im Rahmen des Messbuches auch dieses, mein nun 16. Kirchenjahr, das ich bepredigtdiensten darf, zur Neige. Es ist ja alles genau reguliert. Die soziale Idee ist mir absolut wichtig. Auch jetzt, wo ich jeden Glauben an jede Gottheit ablegte, bin ich irgendwie ein Herzjesu-Revolver. Ich lasse nicht davon ab, dass alles, von Abraham bis Jesus, wunderbare Texte sind, die in die Ideengeschichte der Menschheit eingespeist wurden. Obwohl: Kein Mensch, der nach der sexuellen Revolution und 1968 geboren wurde, hat inzwischen noch die Kirche im Mittelpunkt. Es ist also müßig, 16 Kirchenjahre zu bepredigtdiensten. Aber was willst du tun, wenn du dich so fest verrannt hast? So also entstand die Idee, eine Rückschau auf ein Kirchenjahr abzuführen: 99,5 Prozent unseres Genoms ist dem der Schimpansen gleich. Aber die Gottheit bildete sich laut kirchlichen Kreisen, also zum Beispiel dem Vorsitzenden der österreichischen Bischofskonferenz, ein, gerade über uns "gesegnete Spezies" hätte ein "intelligentes Design" obwaltet. Damit die Menschen ein bisschen atmen können. Oder der Bischof von Fulda ist ganz böse, wenn kirchliche Kindergärten in ein Theaterstück zur Sexualaufklärung gehen. Aufklärung gehört in die Familie! Natürlich macht die Kirche immer Populismus. Feig war schon Pius XII., der sich nicht traute, zornig zu den Nazis Stellung zu nehmen! Das ist eben die Kirche: Schön behutsam treten! Nur ja nichts verstärken! Angst war ja die Maxime, wie Jesus predigte. Oder? Alle Einsicht gelingt ihnen immer zwei Generationen später. Schöne Kirche. Gemäß ihrer Dienstpflicht muss sie die Leute bei Stimmung halten. Ihre Termine enden nun auch immer so, dass nur ja kein wichtiger Kitschtermin im Dreckfernsehen gestört wird! Sie ist brave Lieferantin für das Werbefernsehen! Nur ja nicht stören! Die Werbeeinschaltungen sind sekundengenau geplant, und wenn eine Liveübertragung ist, enden sie sekundengenau, wenn der nächste Kitschpunkt, den das Fernsehen bringt, Einzug hält. Keine Störung nirgendwo. Alles gleitet. Und die Wirtschaft geht vorwärts. So kuschelkitschig ist eben die "Kirche". Es ist ein Leiden bis hin zum Tode.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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