Fragen Sie Frau Andrea

Krank im Haus

Stadtleben | aus FALTER 48/07 vom 28.11.2007

Liebe Frau Andrea,

als langjährige Patientin und "gezwungenermaßen" Spitalsbesucherin wundere ich mich immer wieder über die allgemeine Beliebtheit und inflationäre Verbreitung von Krankenhaus-Soaps à la "Dr. House", "Greys Anatomy", "Crossing Jordan" etc. Wieso können sich Menschen für virtuelle Behandlungen oder Fehlbehandlungen von Medizinern begeistern, wenn sie doch froh sein sollten, damit real nichts zu tun zu haben? Mit der Hoffnung auf tröstliche Aufklärung,

Doris Skala, per Elektropost

Liebe Doris,

die Abgründe der Seele sind bekanntlich tief. Und sie scheinen mit der Sicherheit des Beobachtungsstandortes an Tiefe zu gewinnen. Der Beliebtheit von Kriminal- und Horrorfilmen tut es auch keinen Abbruch, dass die wenigsten von uns eine Sehnsucht danach verspüren, erschossen, erwürgt, erstochen, zerstückelt oder verspeist zu werden. Krankenhaus- und Arztpraxisserien gehören zum quotenmächtigsten Genre überhaupt. In patientenfernem Einklang mit dem hierarchischen Gefälle im Gesundheitswesen werden die Geschichten stets aus der Sicht des medizinischen Personals erzählt. Kranke, Siechende und Leichen sind zu Stichwortgebern und Objekten degradiert. Die Empathie gilt dem Personal an der Schwelle zwischen Leben und Tod: Medizinstudenten, Oberärzten, Palmenklinikchefs, fliegenden Notärzten und Spitalspathologen. Dass das Genre sogar komödientauglich ist, bewiesen die Vietnam-Feldlazarett-Serie "M*A*S*H" und Lars von Triers durchgeknallte Horror-Trash-Klinik-Soap "Hospital der Geister". Auch hier gilt die alte Showbusiness-Weisheit: Wer keine Sorgen hat, schaut sich die der anderen an.


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