Fragen Sie Frau Andrea

Gott im Gruß

Stadtleben | aus FALTER 49/07 vom 05.12.2007

Liebe Frau Andrea,

hinter mir im Büro sitzt eine Serbin. Neben ihr ein Ire. Gleich anschließend eine Schwäbin. Ein paar Meter weiter eine Irakerin. Der Ländermix ist spannend, das babylonische Sprachengewirr zum Abfetzen (ich empfehle, bei einer arabischen Tochter-Mutter-Konversation über nicht gezahlte Telefonrechnungen zu kibiezen). Eines haben anscheinend alle Nationalitäten bei uns in Österreich gemeinsam: das "Grüß Gott"! Welche Institution unterzieht die fremdsprachigen Mitbürger einer derartigen Gehirnwäsche, dass sehr viele von ihnen das "Grüß Gott" dermaßen verinnerlicht haben? Selbst der pakistanische Zeitungskolporteur am Schottenring hat es bereits drauf. Welche Theorie haben Sie?

Mit freundlichen Grüßen,

Armin Pfingstl, per Elektropost

Lieber Armin,

der betuliche Gruß der Katholiken soll das Kainsmal der Fremde bedecken. Nichtösterreicher lernen schnell, dass ein zischendes und schnalzendes "Gru Sgott" eine Teilimmunisierung gegen das fremdenfeindliche Ressentiment bietet. Taxifahrer verwenden es und Kebapschnitter, Kolporteure und Pflegepersonal. Ungeachtet ihrer religiösen Grundorientierungen. Die Urform "Grüß Gott" wurde im 19. Jahrhundert von der katholischen Geistlichkeit propagiert und hat sich in Süddeutschland, Österreich und Südtirol zum Standardgruß entwickelt. Das Wort "grüßen" hatte ursprünglich die Bedeutung "segnen" - katholifizierte Österreicher kennen die Wendung aus dem Gebet: "Gegrüßet seist du, Maria ...". Aufgeklärte Atheisten wünschen generell einen "Guten Tag", und diese Wendung ist es auch, zu der selbstbewusste Nichtösterreicher mit gut entfaltetem Alltagsdeutsch früher oder später greifen.


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