Standpunkt

Gezänkjahr

Politik | aus FALTER 50/07 vom 12.12.2007

2005 war eines, 2008 wird eines: Ein Gedenkjahr. Für Politiker haben Republiksfeiern den Reiz, historische Legitimation zu schaffen. So gelang es Ex-ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel 2005, den Mythos der Wiederaufbaujahre nahtlos mit den Erfolgen seiner Wendepolitik zu verweben. Der SPÖ blieb nur die Statistenrolle. Das soll 2008 offenbar anders werden. Die Homepage www .gedenkjahr.at ist schon reserviert. Auch sonst bemüht sich die Kanzlerpartei, Deutungshoheit zu erringen. Dass sie dabei ausgerechnet ihren unintellektuellsten Mann an die Debattenfront schickt, ist eine Schande. Bundesgeschäftsführer Josef Kalina polterte sich in den vergangenen Tagen durch die Zeitgeschichte. Er warf dem ÖVP-Bauernbund "Ständestaatlichkeit" vor, dann forderte er den ÖVP-Klub auf, das Dollfuß-Bild abzuhängen. Der austrofaschistische Kanzler Engelbert Dollfuß ist zu Recht eine umstrittene Figur: Für die Schwarzen ein Held, der im Abwehrkampf gegen Hitler sein Leben verlor, für die Roten der Türöffner für Hitler. Aber wegräumen, abhängen, vergessen - das sind nicht die Kategorien, in denen historische Debatten stattfinden sollten. Auseinandersetzen, aus der Zeit heraus erklären, als Mahnung mit einer entsprechenden Erklärung hängen lassen - das sollte das Ziel des kommenden Gedenkjahres sein. Sonst bleibt 2008 nur über, was die Koalition 2007 schon lieferte: ein Gezänkjahr. B. T.


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