hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 02/08 vom 09.01.2008

2008: Stricken lernen!

Es ist wenig dagegen einzuwenden, dass frisch geschlüpfte Nichtraucher ihre Hände und ihren Wahnsinn damit im Zaum halten, zu jeder Tages- und Nachtzeit das Strickzeug zur Hand zu nehmen. Genauso wie die oststeirische Black-Metal-Szene wurde ja auch diese ehrenwerte Handarbeit jahrelang unterschätzt. Die rhythmische und monotone Qualität ähnelt einem beruhigenden Mantra, in offenen und geschlossenen Räumen führt das Stricken zu jenem dodelhaft entrückten Blick, den man von Schafen, Norwegerpullovern und Licht-ins-Dunkel-Galas kennt. Kein Zweifel: Die Handarbeit ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sagt ja auch der Caritas-Präsident: Nur Arbeit sichert Selbstwertgefühl und den Kontakt eben zur Gesellschaft. Deshalb: Wer gerade keine hat, kann es sich selbst machen. Die Mitte der Gesellschaft ist das Café Sorger, wo die Leistungsträger von morgen die Schule schwänzen und dabei Schals und Pulswärmer stricken. So haben sie auch sofort Gesprächsstoff mit den Leistungsträgern von gestern, die nicht mehr stricken können, aber allein aufgrund der guten Pensionen jederzeit in der Mitte der Gesellschaft Platz nehmen können. Noch nicht ganz angekommen dort sind übrigens die 68er, erstens weil es sie nicht gibt, zweites weil sie nicht so einfach Schule schwänzen können, drittens weil sie sich in die letzten Raucherzonen Mitteleuropas verkriechen. Auch ihrer gilt es 2008 zu gedenken.


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