Phettbergs Predigtdienst

Tones Besessenheit

Stadtleben | aus FALTER 04/08 vom 23.01.2008

Wahrscheinlich, wenn ihm ein Fetzen Papier in die Hände kam, stelle ich mir vor, war er so besessen davon, dass er ihn aufheben musste. Und als er überquoll mit Papier, hat er begonnen, es zu pressen, immer enger und enger, bis er ganze Möbel aus Papier formte, so komprimierte, dass ich bei dem Besuch in seinem Atelier glaubte, es sei ein Tisch aus Marmor. Und zwar ein gewaltiger, riesengroßer, wie ein Riesenaltar. Vergleichbar mit einem Dom. Unverrückbar war das Ding. Alle staunten, denn erst langsam enthüllte sich, dass alle dort stehenden Möbel aus Papiermaché geformt waren. Hocker, vielleicht aus Retouren des Falter. Und der Tisch von einer vollen Ladung der Neuen Kronen Zeitung. Darum also herrscht so eine gewaltige Papiernot in Österreich. Wir haben nämlich die erbärmlichsten Blätter Europas, stell ich mir vor. Und Tone ist schuld, weil er vielleicht ihre Retourensammlungen anfleht, ihn doch auch einmal zu bedenken. Er habe einen "größeren Auftrag", sagt er vielleicht. Und du staunst Bauklötze, wenn sich endlich herausstellt, dass alles aus Altpapier ist. Und was für ein angenehmer Hafen um den Tone Fink entsteht. Er hat dieses gewisse Etwas, das alle sitzen bleiben lässt. Von Kurt Palm, auch wenn er an jenem Abend nicht dabei war, hab ich den Spruch von Jesus Sirach aufgeschnappt: "Bei allem, was du tust, denk an das Ende." Oh, was hab ich nicht alles falsch gemacht! Nichts hab ich geschafft! Nie! Je! Nichts, alles! Jetzt will mir Graz einen neugegründeten Dadaismus-Preis verleihen. Natürlich renne ich schon im Geiste nach Graz. Obwohl ich erst bei Wikipedia nachschauen müsste, was für Gaunerei der Dadaismus begann, ohne das Ende zu bedenken. Erich Fried sagt: "Es ist, was es ist." Das liegt mir näher als Sirach, der altkluge Bazi. Natürlich war es zu dessen Zeit ungleich schwerer als jetzt, genaue Möbel aus Papier zu bauen. Auch nur ein Stückchen Papyrus zu beschriften war milliardenfach mühsamer als heute einen Fetzen Papier. Aber alle sind wir besessen. Ohne Besessenheit kein Leben. Und nur wenn du besessen bist, wird was aus dir. Oh wie jubelte ich, als ich Tone Fink kennen lernen durfte.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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