hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 04/08 vom 23.01.2008

Sauberkeit

Über den Gemeinderatswahlen liegt bereits jetzt ein dicker Mantel des Schweigens, und das ist gut so, man wendet sich anderen Dingen zu, wie den Wahlen in Hessen, der Scientology-Propaganda von Tom Cruise, der Frage, ob man Nazis die Hand geben sollte, den Grazer Kleinanzeigen. Das beherrschende Thema scheint überall das gleiche zu sein: die leidige Frage von Sauberkeit und Hygiene. Wer drei Wochen nach der Silvesterparty noch damit beschäftigt ist, bei kaputtem Boiler Eierreste von Tellern zu kratzen, wird konzedieren, dass eine funktionierende Spülmaschine keine rein faschistische Angelegenheit sein muss. Auch die sexwütigen Geschäftsmänner auf der Suche nach (gebundenen) 55-Jährigen versteht man, wenn sie betonen: Sauberkeit und Diskretion sind Ehrensache. Womit man bei den Scientologen wäre, die man vom BZÖ daran unterscheidet, dass die Plastikanoraks ein bisschen heller sind und dass sie auf dem Vormarsch sind. Aufräumen wollen sie auch, und sie glauben, dass man immer was tun kann. So richtig sauber wird Graz wohl nicht mehr, da können noch hundert Ordnungswachen ins Leben gerufen werden, hier ähnelt die Stadt einer WG-Küche ohne Putzplan. WGs mit Putzplan aber sind neben Sekten, Nazis und inserierenden Sexmonstern das Ekelhafteste, was das Leben zu bieten hat. Wer seinen Namen auf ein Milchpackerl schreibt, hat es nicht verdient, ein Mitbewohner zu sein, und soll gehen.


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