Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 05/08 vom 30.01.2008

"Ich bin immer in Prag", lautete der Titel eines Gesprächs, das Herbert Ohrlinger mit der tschechischen Schriftstellerin LibusÇe Moníkova führte, die 1971 aus der Tschechoslowakei nach Deutschland emigriert war und dort zu schreiben begonnen hatte. Das Schreiben fiel ihr sehr schwer, sagte sie. Sie spürte in der Unwirtlichkeit der deutschen Städte den Verlust des Prager Pflasters.

"Aus diesem Gefühl des Verlustes heraus begann ich in der BRD zu schreiben, über eine Vergewaltigung, auf Tschechisch. Da bemerkte ich, dass das Deutsche - nicht das bequemere - das leichtere war, mental gesehen, weil es mir viel fremder war. Ich konnte die Sprache eigentlich nicht, deshalb hat es unheimlich lang gedauert, bis es stimmte. Von da an wusste ich, das Deutsche ist genauer, das Sujet kommt besser zum Ausdruck.

(…) Aus der Beschreibung der Vergewaltigung ist dann mein erstes Buch, Eine Beschädigung' geworden. Das war Erste Hilfe', wie wenn der letzte Wagen mit der Sirene kommt - nur saß ich selber drinnen. Es dauerte noch fünf Jahre, bis es publiziert wurde; nach der Fertigstellung war klar, dass ich Deutsch kann, nach dem Erscheinen, dass ich Autorin werde, nach dem zweiten Buch, Pavane für eine verstorbene Infantin' (1983) wusste ich, ich bin Schriftstellerin.

Ohne diese Erfahrung wäre ich wahrscheinlich zurückgegangen. ich wollte auf Prag nicht verzichten, Prag ist die Stadt. "Die Fassade" (1987) ist ein eminent politisches Buch, was damit zusammenhängt, dass ich es mir leisten kann. Ich bin schon so sicher, was meine Mittel betrifft, stilistische und sprachliche, dass ich jetzt zugeben kann: Ich bin Ausländerin."

Ob man ihren Roman als Rückkehr in die Heimat mit den Mitteln der Literatur verstehen dürfe?

"Ich würde es etwas brutaler ausdrücken. Wenn ich schon nicht in Prag leben darf, hole ich mir mein Land hierher - es ist mein Böhmen in dem Buch." A. T.


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