hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 08/08 vom 20.02.2008

Mitten im Leben

Die internationale Charta von Athen aus dem Jahr 1928 hat schon recht: Der Bruch mit der Organisation der Arbeit hat eine unaussprechliche Wirrnis geschaffen und ein Problem aufgeworfen, an dessen Lösung bis jetzt nur herumgepfuscht worden ist. So kommt es, dass man nicht genau sagen kann, wo sein Lebensmittelpunkt ist, was zu großen Verwirrungen (und Intrigen) führt. Denn das Meldegesetz will es wissen, und der Bürger tut gut daran, sich und sein Gewissen zu befragen: Wo ist meine Mitte? Man kann dem Problem mit Massage- oder Kreativtechniken zu Leibe rücken, die Energie-Übungen des Qigong sind hier ebenso hilfreich wie diverse Feng Shui-Techniken, die in den letzten Jahren Schule gemacht haben. Wer seine Mitte verloren hat, braucht sich aber nicht allzu allein fühlen, im Gegenteil: Es handelt sich nach wie vor um ein Symbol unserer schnelllebigen (!) Zeit, schon Mitte (!) des vorigen Jahrhunderts vom Kunsttheoretiker Hans Sedlmayer beklagt (Der Verlust der Mitte). Eine Rückkehr zur schönen Formenpracht der Antike wird eingemahnt. Anfangen könnte man ja mit der ehrwürdigen alten Form des Musicals, das in Graz sowieso viel zu wenig Beachtung findet. Es wird einer neuen Kulturpolitik überlassen sein, den Weg zur Mitte mutig weiterzubeschreiten, obwohl die Mitte ja total umkämpft ist und auch sehr gerne von den Grünen, Roten und Blauen besetzt würde. Die Avantgarde aber ist längst woanders (Seiersberg).


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