Heikler Röntgenblick

Kultur | Carsten Fastner | aus FALTER 10/08 vom 05.03.2008

PRAG 1939 Ein Jahr nach Wien marschierten die Nazis in Prag ein. Peter Demetz erinnert sich, wie das Kulturleben der Stadt darauf reagierte.

Im besetzten Prag des Jahres 1941 stand der junge Verkaufsassistent einer Buchhandlung vor einer heiklen Aufgabe. Mit "ideologisch-kulturpolitischem Röntgenblick" musste er seine Kunden mustern und entscheiden, ob er ihnen antiquarische Schätze wie die verbotenen Werke Thomas Manns oder Alfred Döblins anvertrauen konnte oder doch lieber "so lange Ludwig Ganghofer (bayrischen Kitsch) oder Ina Seidel (preußischen Kitsch) herbeischleppte, bis der unbequeme Frager wieder verschwunden war". Drei Jahre lang meisterte er seine Aufgabe, ehe er Ende 1944 von der SS als Halbjude entdeckt und deportiert wurde.

Nach dem Krieg und der Flucht aus der kommunistischen Tschechoslowakei wurde aus dem so menschen- wie fachkundigen jungen Buchhändler der renommierte Literaturhistoriker Peter Demetz. Nun, mit 85 Jahren, erinnert er sich an seine Jugend von 1939 bis


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