Kritik kurz

Kultur | aus FALTER 10/08 vom 05.03.2008

Der jüngste Tag Ödön von Horváths Spätwerk "Der jüngste Tag" ist ein schwieriges Stück. Erstens ist der Held ein Unsympathler: Stationsvorsteher Thomas Hudetz vergisst ein Signal zu stellen, weil er überraschend von der Wirtstochter Anna geküsst wird, und verursacht dadurch ein Zugunglück mit 18 Toten. Statt ein Geständnis abzulegen, lässt er sich von Anna durch eine falsche Zeugenaussage exkulpieren. Zweitens muss man schon sehr katholisch veranlagt sein, um die hier ein ganzes Stück lang verhandelte Schuldfrage ernst nehmen zu können: Natürlich ist der Mann schuld, wer denn sonst? Trotzdem wird das Stück relativ häufig gespielt, derzeit läuft es in einer Inszenierung von Philip Tiedemann in der Josefstadt. Tiedemann, einer der verspieltesten Formalisten unter den deutschen Regisseuren, inszeniert das Stück so mechanisch, als wär's eine große Spieluhr, und statt die esoterischen Anklänge des Textes zu entschärfen, verstärkt er sie noch: Bleich geschminkte Lemuren


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