Nüchtern betrachtet

Ich leide unter partialer Ph-Philie

Kultur | aus FALTER 11/08 vom 12.03.2008

Zurzeit befinde ich mich in einem dezidiert unprogressiven Gemütszustand. Sprechen wir es offen aus: Ich bin ein sentimentaler Reaktionär - was vermutlich ein Pleonasmus ist: Schon Marx und Engels haben ja die Bourgeoisie unverhohlen dafür bewundert, die spießbürgerliche Wehmut "in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt" zu haben. Ich hingegen, der ich als Twentysomething noch das Lob des destruktiven Charakters gesungen habe, bin weder jung noch heiter, sondern werde ganz unmephistophelisch von Melancholie angeweht, sobald sich irgendwas anschickt, zugrunde zu gehen. Hätte es nicht doch noch ein bisschen bleiben dürfen? Dabei bin ich gewiss kein kulturkonservativer Butzenscheibenromantiker und habe das Greißlersterben immer für eine brauchbare Strategie im Kampf gegen Alltagsfaschismus betrachtet. Auch die Rechtschreibreform war mir keinerlei libidinöse Verausgabung wert, von mir aus kann man gern Frisör, Majonäse und dann aber auch gleich Hemorieden schreiben.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige