Hundert Jahre Zeit Ausgleich

Camp

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 12/08 vom 19.03.2008

Wer zum Beispiel ins Akademische oder ins Sacré Coeur geht, hat selbstverständlich Vorsprung und zählt sowieso zur künftigen Elite unseres schönen, wenn auch sehr kleinen Landes. Einer von denen sagte über die FPÖ-Chefin: "So deppat, dass sie schon wieder genial ist!" Freilich, der Trash-Faktor ist hoch, aber wird man damit echt automatisch zum Kult? Kenner würden sagen: Eher nein, zwischen dieser Frau und Ikonen des Camp wie Jean-Michel Jarre, Udo Jürgens oder Monika Martin ("Nachts am Strand von Montego Bay, steht eine Frau, sie schaut hinauf zur See") liegen Welten. Es passiert immer wieder, dass interessierte Jugendliche, die sich für Pop-Phänomene interessieren, die Welt mit einem YouTube-Video verwechseln, und wenn man dann hört, dass sie in Geschichte ihre Fachbereichsarbeit über Pop und Politik schreiben, dann gibt das Anlass zu einer Prise gepflegtem Kulturpessimismus. Trash ist schnell fabriziert, der Kanal "telemedial" sendet zum Beispiel mehrere Stunden täglich auf der Frequenz vom Kinderkanal esoterische Diskussionsrunden und muntert die Seher auf, Geld zu überweisen, weil das die einzig wirksame Form von ENERGIEAUSGLEICH sei. In Wien gibt es eine professionelle Theatergruppe, die sich mit Kleist und Goethe beschäftigt und dabei Product Placement für interessierte Konzerne anbietet. Es kann depperter und depperter werden, es wird dadurch einfach nicht genial.


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