VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 12/08 vom 19.03.2008

Im März 1988 kritisierte Falter-Kunstkritiker Peter Mahr ein Plakat, das der Starfotograf Helmut Newton für den Baustoffmarkt Bauwelt fotografiert hatte. "Schwere Kräfte. Helmut Newton und die Reichspropagandafotografie. Von ähnlichen Bildern verschiedener Herkunft" lauteten programmatisch Titel und Untertitel. Der Text beließ es nicht bei dieser Ankündigung. Mahr schrieb: "Das Model ist wie ein schwarzes Ding aufgestellt, greifbar wie der Spaten und angeboten wie die zu bauende Welt. Der Glanz des Leders wirft den zugreifenden Blick zurück wie der Unterarm, der den Körper versperrt, und wie der Blick, der das betrachtende Auge nach oben hin ablenkt. Der Spaten wird angeboten wie das Transparent einer Demonstration. Und zwar in derselben Weise wie das Mannequin. Der Spaten wird so präsentiert, wie beim Militär das Gewehr präsentiert wird. Der Spaten steht für die Arbeit, so wird das Model auch zur Arbeiterin. Aber nur für den Spaten, dem sie selbst nachgeformt ist und als den sie sich verkauft, steht sie in Reih' und Glied ihres Schattens parat. Die Arbeit kreuzt sich mit der Prostitution, für die Figur und ihr Outfit plakativ am Straßenrand stehen. Sexuelle Arbeit, die für eine schöne, neue Welt steht. Diese Arbeit ist sadomasochistisch. Sadistisch ist das unüberbrückbare, militante Gebaren, das Zuschlagen mit der Waffe und die daraus gezogene Lust. Masochistisch die verheißene Unterwerfung unter die Wünsche des Bau-Herrn. Domina und Zimmermädchen, Arbeiter und Arbeitsloser, Arbeitgeber und Soldat. Merkwürdig zentral ist jedoch der Blick, der über die Gleichung von schöner Welt und Bauwelt hinausweist. Das Model sieht entrückt in den Himmel. (…) Wie immer auch die Newtonsche Warenästhetik faschistoide Züge trägt, es ist nicht ausgeschlossen, dass dieser seltsame Blick die Abwesenheit der Seele im ganz Anderen ist (Horkheimer)." A.T.T


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