Kritik kurz

Kultur | Joachim Schätz | aus FALTER 12/08 vom 19.03.2008

Johan - Es beginnt mit einer Autofahrt durch ein sonniges, denkmalgeschütztes Bilderbuch-Paris, aber was Philippe Vallois in diesem Film aufbewahrt hat, ist ein anderer, klandestinerer Teil der Stadtkultur. Im Sommer 1975 gedreht und später nur zensiert in die Kinos gekommen, entwirft "Johan" ein herzliches, entspanntes Porträt schwuler Pariser Subkulturen: Rohe Schwarzweißbilder zeigen die nächtlichen Aufreißrituale im Tuileriengarten, ein netter Sadist erläutert im Gespräch die Vorzüge deutschen Stacheldrahts. Man ist unter sich, man muss nichts abwehren oder gar repräsentieren: Gleich zu Beginn werden die Mitwirkenden als Freunde des Regisseurs ausgewiesen, der den Film - ob beim (inszenierten) Analverkehr mit Fremden oder beim (dokumentarischen) Gespräch mit der bodenständigen Mutter - als Akt der Selbstentäußerung anlegt. Das abwesende, strukturierende Zentrum des Films ist allerdings Johan, der inhaftierte Geliebte des Regisseurs: ein Gespenst aus Sehnsucht und Erinnerung. Vallois' zeitgeistig verspielte Inszenierung, immer am Sprung zwischen cinéma verité, Film im Film und Jacques-Rivette'scher Traumlogik, ist dabei mindestens ebenso sehr Zeugnis von Zeit und Ort ihrer Entstehung wie die Bilder einer Schwulenszene vor Aids und Gay-Pride-Identitätspolitik. Derzeit im Schikaneder (OmU).


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