hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 13/08 vom 26.03.2008

Gegen Liftspiegel

Es gibt nach menschlichem Ermessen keinen wirklich guten Grund dafür, dass Lifte innen mit Spiegeln ausgestattet sind. Möglicherweise wegen der Möglichkeit, die Mitfahrer immer im Blick zu haben, ohne sie direkt anstarren zu müssen, vielleicht auch, um der Angst vor der Enge vorzubeugen (das Gegenteil davon wäre: Platzangst). Die Angst vor Spiegeln oder Eisoptrophobie aber ist genauso schlimm. Man sieht Dinge, die gar nicht da sind, und gerät in unerklärbare Panik. Es ist mittlerweile auch untersucht, dass die meisten Liftbenutzer den Blick in den Spiegel sowieso meiden, ja, denselben sofort beim Einstieg senken und gedankenverloren auf die Knöpfe mit den Zahlen starren. Hierzulande handelt es sich ja um aushaltbare Zeitspannen, auch wenn der Druck, auf dem Weg nach oben doch noch ein Gespräch vom Zaun zu reißen, viel größer ist als etwa bei Busstationen oder Supermarktkassen. Daran leidet unter anderem auch der österreichische Film: Weltweit werden Drehbücher auf das Ziel hin verfasst, die Handlung innerhalb einer Liftfahrt in die Chefetage verständlich darlegen zu können. In den USA sind für das elevating logischerweise bis zu fünf Minuten Zeit, in Österreich meistens fast gar keine. Handlungsarme Spielfilmskripts, in denen Figuren sich oft und gern selbst reflektieren, sind die Folge.


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