Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 13/08 vom 26.03.2008

Eine folgenschwere Ausgabe, diese Ausgabe 9/1988. 300 Personen, Künstler, Intellektuelle wie Erich Fried, Peter Weibel und Robert Jungk erstatteten eine Anzeige gegen Bundespräsident Kurt Waldheim wegen Verdachts der Beihilfe zum Mord. Die Anzeiger stützten sich auf den Bericht der Historikerkommission, welche festgestellt hatte, Waldheim habe "im Zusammenhang rechtswidriger Vorgänge mitgewirkt", nämlich - so die Anzeiger - an Deportationen in KZ und Erschießungen. Die Anzeige betrachteten sie als letzte Möglichkeit, jene Diskussion vor Gericht öffentlich zu machen, die Waldheim standhaft verweigerte.

In einem Kommentar zur Anzeige räumte Staatsanwalt Walter Geyer ein, Waldheim sei als "Herr Karl im weißen Hemd und mit Krawatte" zum Symbol mit dem Umgang mit der Vergangenheit geworden. Aber bloße Mitwisserschaft und unterschlagene Zeugenschaft reichten nicht für eine Anklage dieser Art, ja nicht einmal dazu, Bewusstsein dafür zu schaffen, dass jeder für seine Handlungen einstehen müsse. "Könnte die Anzeige gegen Kurt Waldheim bei den Tätern von 1988 dieses Bewusstsein schaffen, wäre sie dringend notwendig. Ich fürchte, sie kann es nicht."

Der Philosoph Rudolf Burger schrieb ein "Wort zur Abkühlung", in dem er viele seiner bekannten Motive vorwegnahm: "Kein Mensch arbeitet Vergangenheit auf, sondern alle beuten sie aus. Jene, die wirklich trauern, ekelt das an. Wenn sie nicht schon wieder lachen. Natürlich sollte man den Präsidenten abwählen, aber ohne patriotisches Geschrei. Und unter Einhaltung der Verfassung, das wäre wirklich eine Innovation. Und was die Tage des März betrifft, so sollte man auch diesmal nicht dabeigewesen sein. Am besten, man geht ins Kino und schaut sich einen amerikanischen Reißer an." A.T.


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