Fragen Sie Frau Andrea

Spaghettitechnik

Stadtleben | aus FALTER 13/08 vom 26.03.2008

Liebe Frau Andrea,

beim Aufessen der für meinen Kleinen fein geschnittenen Spaghetti Bolognese schien mir, dass sie eigentlich geschnitten besser schmecken als gewickelt (zumindest mit Sugo Fleisch pikant von Felix und Spaghetti No. 3 von Barilla). Seither schneide ich diese Nudeln und habe damit offenbar ein schweres Tabu berührt. Ungläubige Augen der Erwachsenen. Sogar die Kinder wundern sich. Warum es sozial so wichtig ist, italienische Nudeln zu wickeln, statt sie zu schneiden, bleibt mir ein Rätsel,

Johannes Gärtner, per Elektropost

Lieber Johannes,

betrachten Sie mich als leidenschaftliche Befürworterin des experimentellen Individualismus. Gastronomische Tabus sind kein Naturgesetz, sondern dazu da, niveauvoll gebrochen zu werden. Gebote sollen stets hinterfragt, im Zweifelsfalle übertreten werden. Alle Gebote bis auf eines: Es soll dir schmecken! Wenn es Ihnen behagt, legen Sie Spaghetti auf Knäckebrot, wickeln sie Linguini um Nüsse und füllen Sie Rhabarbereis in Penne. Schütten Sie Felix-Soße über Barilla-Nudeln und häckseln sie diese mit Steakmessern. Alles ist erlaubt, nur schmecken muss es. Das Tabu, Nudeln nicht zu schneiden, hat simple und sehr italienische Gründe. Ich spreche hier als Viertelitalienerin. Erstens wird in der Manufaktur appeninischer Teigwaren viel Aufwand betrieben, besonders lange Spaghetti zu erzeugen. Lange Nudeln gelten den Italienern als elegant, sie werden minutenlang mit Gabeln an den Tellerschultern gedreht. Nur Deutschen reicht man den Spaghettilöffel. Zweitens spart der solitäre Gebrauch von Gabeln Abwaschkraft. Abwaschzeit ist Lebenszeit und Lebenszeit soll der Italianità dienen, nicht dem alemannischen Putzfimmel.


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