hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 14/08 vom 02.04.2008

So nicht gewollt

Nichts ist, wie es scheint, und: Man wird ständig überwacht. Obwohl dieser Raum hier, gut versteckt rechts oben auf der Kolumnenseite der Steiermarkausgabe, auf den ersten Blick sicher und privat erscheint, muss davon ausgegangen werden, dass wir nicht allein sind. Zumindest irgendein Computerprogramm, auf Wörter wie Gras, Bombenanleitung, Drohvideoherstellung und Attentatspläne spezialisiert, kontrolliert uns. Vielleicht ist auch der Steiermark-Falter selbst ein Instrument der Überwachung? Der Autor Stefan Maelck hat in seinem Buch "Pop essen Mauer auf" glaubhaft beweisen können, dass der Pop eine Erfindung der Stasi war, die sich dabei entscheidende Vorteile im Kulturkampf versprach. (Man will sich nur ungern ausmalen, wie eine Geheimpolizei beschaffen sein müsste, die den Austropop erfindet.) Das Ergebnis ist bekannt: Das kann die Stasi so nicht gewollt haben. Möglicherweise ist beamtete Spionage aber mittlerweile eh kein Thema mehr, und die Spitzel haben umgesattelt und arbeiten jetzt alle für Lidl, wo sie im Auftrag des Konzerns Mitarbeiter observieren. Im Sinne einer umfassenden Konzernideologie werden Privatleben, Pausengespräche und emotionale Einstellung zur Arbeit dokumentiert. Weder Kassiererinnen, die aufs Klo gehen, noch Kunden, die ihre PIN eintippen, entgehen dem stets wachsamen Auge der Obrigkeit, die das aber so nicht gewollt hat.


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