Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 14/08 vom 02.04.2008

Der Bundespräsident hatte es im Rundfunk ankündigen lassen, und stündlich meldeten die Nachrichten, der Falter werde nun beschlagnahmt. Wir hatten eine Anzeige publiziert, die eine Gruppe Künstler und Intellektuelle gegen Kurt Waldheim wegen Verdachts auf Mord eingebracht hatte. Bis es tatsächlich so weit war, bis die Justiz ihre einstweilige Verfügung gezimmert hatte, verging mehr als ein Tag. Der Verkauf lief glänzend, freudig lieferte der Geschäftsführer in seinem Mazda Exemplare an die Straßenverkäufer nach, und als die Organe endlich in der Falter-Redaktion auftauchten, waren nur mehr wenige Restexemplare einzukassieren.

Ein Segen also, und doch ein Skandal, auf den wir mit dem abgebildeten Cover antworteten. In ihrer Begründung des Beschlagnahmebeschlusses hatte die Richterin nämlich behauptet, wir hätten mit der Publikation der Anzeige das Ziel verfolgt, "gegen den Bundespräsidenten massive Anschuldigungen zu erheben" - was zutraf - und hätten dabei nur Belastungsmaterial aufgegriffen, "ohne andere Meinungen gegenüberzustellen". Das stimmte nun nicht, denn mit Walter Geyer hatte ausgerechnet ein Staatsanwalt seine Dissidenz zur Anzeige zum Ausdruck gebracht. Wir druckten diesen Beschluss (mit Ausnahme einiger unkenntlich gemachter Passagen). Es war uns nicht einmal zu blöd, auch Jörg Haider um einen Kommentar zu bitten. Jeder könne jeden anzeigen, sagte der. A.T.


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