Stadtrand

Gagao? Gibt's ned!

Stadtleben | aus FALTER 14/08 vom 02.04.2008

Mit Kakao ist es wie mit Hermann Hesse. Als sie ihn noch getrunken haben, da war er zum Schwärmen gut. Aber das ist zu lange her und sie selber zu alt dafür. Kakao trinken? Hesse lesen? Geht ja gar nicht! Sagen sie heute und fremdgenieren sich für die Bestellung. Die Freunde, die Kollegen, die Rendezvous. Nur die Kellner verkneifen es sich. Noch. "Gagao? Du meinst wohl Kakao. Willst du nicht lieber eine heiße Schokolade?", heißt es dann im Chor. Also gibt es ein überteuertes Schokowürferl, das kommt ja direkt aus der Schweiz. Dass es im Regelfall am Holzstäbchen kleben bleibt, weil die Milch seit ihrer Pasteurisierung nicht mehr heiß war, darüber hat man stillschweigend hinwegzusehen. Denn hier, wo man Benco und Hesse gegen heiße Schokolade und Kehlmann eingetauscht hat, hier gibt es keinen Gagao mehr. "Das Paradies", schreibt Hesse, "pflegt sich erst dann als Paradies zu erkennen zu geben, wenn wir daraus vertrieben wurden." Soll es jenen, die sich vor sich selbst hertreiben, während sie die Enge ihrer Welt vermessen, nicht recht geschehen?

S. A.


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