Phettbergs Predigtdienst

Schafhirte

Stadtleben | aus FALTER 14/08 vom 02.04.2008

Voller Stolz trug ich im Votivkino zur Kinopremiere einen Männerrock. Es war am 5. Dezember 2007 um 20 Uhr. Über wen wird schon extra ein Kinofilm gezeigt. Von November an aß ich außer Gemüse meist Konserven, um mir einen Männerrock leisten zu können. Und dann haben wir den Film auch diskutiert. Kurt Palm und ein vor Stolz platzender Phettberg redeten vor Publikum. Damals hoffte ich noch, dass mit "Elender" viel Wirbel um mich beginnen würde. Da hab ich mich getäuscht. Nur eine Fotografin war dort und hat mir erzählt, dass ich alles herzeige. Aber das wollte ich eben absolut nicht. Ich lüftete den vorderen Teil meines Rocks und zeigte allen alles. Alles, was zu sehen war. Es sind die peinlichsten Bluejeans der Erde. Da wurde nichts geschützt. Das wollte ich nicht, aber nun ist alles fotografiert. Und die Leute werden jetzt vielleicht denken, ich wollte mein Schneetröpfchen herzeigen. Aber das keineswegs. Ich wollte erzählen, dass jedes Alter und jede Hautentwicklung voll von Sexsehnsucht strotzt. Statt dass endlich sich wer in mich hineinverliebte, ist nun alles vorbei. Ich weine. Jeder Quadratmillimeter meiner Haut ist redlich aufgebaut. Alles da, und also Hunger nach Fühlen. Es kann alles bezeugt werden. Ein redlicheres Leben als das meinige ist noch nie dokumentiert worden. Ich wollte nur voller Stolz herzeigen, dass jetzt auch Männer Röcke tragen und dass Fühlen nimmer aufhört. Also schreie ich um Hilfe. Meine Homepage dokumentiert meine Einsamkeit. Jedes Wort in 17 Jahren dokumentiert, alles genau datiert und fixiert. Es kann alles gelesen und hergezeigt werden. Kann es ein anderes Medium auf der Erde geben, wo ein Mensch bis hin zum Tode dokumentiert wird? Meine Wohnung kann wahrlich ein Museum werden. Überall Leere und Hunger. Es muss aber jedes Wort, das auf meiner Homepage drauf ist, bleiben, solang ich lebe. Und ich hoffe, dass irgendeine hungrige Medienseite das dokumentieren wird. Ich wollte nur meinen Hunger zeigen. Die Einsamkeit meines Lebens ist unübertrefflich. Ich sterbe an Verlassenheit. Fast null Lesybriefe erhielt ich je. Alle hab ich dokumentiert.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.

Unter www.phettberg.at/gestion.htm ist wöchentlich neu zu lesen, wie Phettberg strömt.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige