Fragen Sie Frau Andrea

Filmnieseln

Stadtleben | aus FALTER 16/08 vom 16.04.2008

Liebe Frau Andrea,

neulich hatten wir einen feuchten Abend mit einem guten Gespräch. Irgendwie kam es auf Spaghettiwestern und den großen Sergio Leone. Und da erinnerte ich mich, in einem abgefuckten Pornokino in der Burggasse der einzige Zuschauer gewesen zu sein. Es muss ungefähr 15 Jahre her sein. Ein einmaliges Erlebnis. Ich und der geilste Western der Welt: "Spiel mir das Lied vom Tod". Die Tonanlage übersteuerte, und zwischendurch regnete es weiße Kratzer. Ich dachte, das wäre nur am Anfang von Filmen so, dort wo sie abgenudelt sind.

Florian Niederwieser, Wieden

Lieber Florian,

bei Ihrem abgenudelten Kino dürfte es sich um eines der ersten Wiener Arthouse-Filmtheater, das Star-Kino in der Burggasse 71 (seit 1999 das Atelier-Theater), gehandelt haben. Es wäre ungewöhnlich gewesen, "Once Upon a Time in the West" ("C'era una volta il West") in einem Pornokino zu projizieren. Dafür ist Claudia Cardinale zu selten im Bild. Das Nieseln in der Projektion stammt tatsächlich von Kratzern auf der Kopie. Da ein Film dieser Länge aber in mehrere Akte, also Filmrollen, aufgeteilt ist, die abwechselnd projiziert werden, um den Anschein einer kontinuierlichen Vorführung zu erzeugen, kann es mitten in der Handlung zu Filmnieseln, Knacken und Knistern kommen. Diese Artefakte kommen von der mechanischen Beanspruchung der einzelnen Aktanfänge einer oft gespielten Kopie. Manchmal fehlen auch Sekunden aus dem Film, wenn etwa Teile der Filmrolle abgeschnitten wurden. Der DVD-gewohnte Zuseher hat diese Kinoerlebnisse meist in der Frühzeit der cineastischen Sozialisation kennengelernt und erinnert sich daran mit wohligem Schauern. Schau-Schauern.


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