hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 16/08 vom 16.04.2008

Schweigen ist Reden, Silber ist Gold

Gemeinderat Titz bringt es auf den Punkt: Kultur besteht für mich darin, jeden Tag aufs Neue zum warmen menschlichen Kern in uns selbst vorzudringen und dadurch offener, toleranter und fröhlicher zu werden. Einer singt, der andere schreibt, der Dritte malt, die Nächste tanzt, aber niemand darf schweigen. Es gibt nur leider Tage, an denen der warme menschliche Kern in uns selbst einfach nicht erreichbar ist. Und dann muss man sich doch nach außen wenden. Deswegen hat man ja Telefone, öffentliche Verkehrsmittel und Kneipen, weil man sich nicht die ganze Zeit nur mit sich selbst und seinem warmen Kern beschäftigen will (dafür muss man nach Tibet reisen, wo sich angeblich alle nur mit ihren warmen menschlichen Kernen beschäftigen, was aber auch nur über Handys und E-Mails verbreitete Propaganda ist). Telefonieren in öffentlichen Verkehrsmitteln ist eine Errungenschaft, die uns vor Selbstmord und peinlichen Gesprächen schützt. Jungmänner, die nicht mehr telefonieren dürfen, werden sich wieder verstärkt dem Anstänkern von Mitreisenden widmen. Geschäftsleute mit punktgenauer Zeiteinteilung werden die Fahrt zur Einnahme ihres Mittagessens nutzen. Andere werden weiter telefonieren. Sie werden nicht bestraft, sondern ermahnt, weil es dem Bürgermeister mehr um Bewusstseinsbildung und die damit entstehende Selbstkontrolle geht, was ja schon wieder was mit dem warmen menschlichen Kern in uns selbst zu tun hat.


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