Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 17/08 vom 23.04.2008

Waldheimzeit - verrückte Zeit. Zum Beispiel begab sich folgende Geschichte, die der Schauspieler Hubert Kramar in Form eines Gedächtnisprotokolls seiner Verhaftung erzählte. Er hatte vor dem Stephansdom Posten bezogen und zeigte ein Schild, auf dem unter anderem stand: "Einsicht statt Schuld. Pflichterfüllung im NS-Staat = Massenmord". Es kam zu Debatten mit Passanten, einige meinten, Kramar gehöre vergast, andere stimmten ihm hingegen zu, ein Dritter ging die Polizei holen.

Diese erschien in Gestalt zweier Inspektoren. Sie zerbrachen Kramars Schild, traten ihn in den Magen, legten ihn in Handschellen und nahmen ihn mit aufs Wachzimmer. "Dort verlange ich einen Anwalt meiner Wahl, wobei ich auf die Menschenrechtskonvention verweise, die ja bekanntlich von Österreich ratifiziert worden ist. Darauf bekomme ich die Antwort:, Da hättn se sich in Deitschland verhoftn lossen miassn, des gibts bei uns net!'(…)

Nach einigen Stunden werde ich wieder zu einem Verhör abgeholt, mit einem gewissen Dr. Held, wie ich später erfahre. Ich setze mich gegenüber dem Offizier in Uniform nieder, plötzlich schreit er mich an:, Sitzen Sie sittsam!'

Völlig verblüfft über diesen fürchterlich oberlehrerhaft-autoritären Ton frage ich ihn:, Wie soll ich sitzen? Sittsam? Ist das etwas, was jetzt in der Verfassung verankert ist - ein neues Gesetz?'

Daraufhin wieder dieser autoritäre Ton: das Gesetz kenne ich wahrscheinlich besser als Sie! Nehmen Sie die Beine voneinander!'

Auf meine Frage, wann ich meine nächsten Angehörigen verständigen dürfe, antwortet Dr. Held:, Am 1. Juli.'

Ich:, Was heißt das?'

Dr. Held:, Das heißt, was es heißt.'

Nach dem Verhör mit Dr. Held werde ich wieder in eine Zelle abgeführt und nicht lange darauf plötzlich entlassen." A.T.


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