Standpunkt

Gioronimo

Politik | aus FALTER 17/08 vom 23.04.2008

Johannes "Gioronimo" Hahn (ÖVP) wird mit seinem Ruf nach individueller Freiheit nicht nur lauter, er läuft Gefahr, diese gleich zu verschreien. Vergangene Woche sprach er sich für eine Trauung von Homosexuellen am Standesamt aus, und das ist auch gut so. Wenige Tage danach forderte er ein Burka-Verbot in der Öffentlichkeit. Das tat er mit dem Hinweis auf den Sinn und Zweck von Überwachungskameras. Hahn artikuliert damit ein Unbehagen, das viele haben. Es hat mit der Angst vor einem fremden Gott zu tun, in dessen Namen Frauen ungleichberechtigt und ganze Völker unterjocht werden, einem Gott, dessen Vertreter bei Podiumsdiskussionen von Dialog sprechen und hinter den eigenen Wänden als strenge Patriarchen herrschen. Es gibt rechtlich vernünftige Argumente gegen eine Vermummung, etwa bei einer Demonstration oder auf der Anklagebank. Aber Hahn irrt, wenn er ein Gesetz fordert, das den Bürgern vorschreibt, wie sie sich zu kleiden haben. Aufklärung und gesellschaftlicher Liberalismus entstanden nicht kraft Gesetzes, sie waren die zarte Frucht, die Bildung, soziale Befreiung und Individualismus säten. Ebendiese Mischung braucht es auch, um das Alltagskorsett Allahs zu entschnüren. Gerade weil Hahn ein glaubwürdiger Liberalenversteher ist, müsste er wissen: Freiheit zwingt nicht, sie lockt. S. A.


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