Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 18/08 vom 30.04.2008

Waldheimzeit - verrückte Zeit. Zum Beispiel titelte der Falter mit einer Rede Kurt Waldheims. Allerdings mit einer, die dieser nie hielt. Verfasst hatte sie Peter Sichrovsky, der damals noch nicht zu Jörg Haider übergelaufen war, sondern als Erfolgsautor figurierte (er schrieb zusammen mit Hans-Peter Martin, Kurt Langbein und Hans Weiss die Bestseller "Gesunde Geschäfte" und "Bittere Pillen" und veröffentlichte den von George Tabori dramatisierten Bericht "Schuldig geboren").

In einem Interview erklärte Sichrovsky seine Motive: "Österreich ist noch immer ein isoliertes, provinzielles Land, wo eben nur sehr wenige Leute wirklich internationale Kontakte haben. Wer sie hat, hat längst begriffen, dass Waldheim uns alle blamiert, wenn er sich blamiert. Wenn ich heute in Singapur meinen Pass vorlege, verhöhnt mich der Zollbeamte. Andererseits wollte ich mit meiner Rede aussteigen aus der mir immer unsympathischer werdenden Anti-Waldheim-Front. Erstens bin ich wahnsinnig enttäuscht, dass der Protest so spät kommt. Im Wahlkampf war ich einer der schärfsten Kritiker Waldheims, mit Artikeln in profil, mit Interviews, mit dem World Jewish Congress. Als damals im Wahlkampf die antisemitischen Statements gefallen sind, war es für mich eine der größten Enttäuschungen meines Lebens, dass alle die geschwiegen haben, die heute schreien. Heute schreit man mit dem Argument, es schade dem Land. Das moralisch-ethische Problem wird immer mehr zur Nebensache. Sogar der Wirtschaftsbund macht sich Sorgen. Da entsteht plötzlich eine seltsame Koalition durch alle Parteien und Richtungen. Aber das undemokratische Verhalten einer Partei wurde damals - mit wenigen Ausnahmen - kommentarlos akzeptiert. Da greife ich vor allem Gruppen aus der SPÖ und dem grün-alternativen Spektrum an, die heute so entschiedene Waldheim-Gegner sind." A. T.


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