Stadtrand

Ruhe vor dem Lauf

Stadtleben | aus FALTER 18/08 vom 30.04.2008

Einer der zweifellos schönsten Tage in Wien ist jener des städtischen Marathons. Nicht wegen der schwitzenden Leiber und verzerrten Gesichter, die einen halben Tag lang dem Koller nahe durch die Stadt wanken. Sondern wegen der kleinen Wahrnehmungsunterschiede, die daraus resultieren, dass fast jede wichtige Straße für den Verkehr gesperrt ist. Wer am sonnigen Sonntagmorgen des Marathons noch vor den Läufern mit dem Fahrrad über die autofreie Ringstraße düst oder den leergefegten Praterstern zum ersten Mal in seiner ganzen Größe wahrnimmt, der merkt plötzlich: Man sieht nur das, was man selber braucht und benutzt. Seien es Gehsteige, Radwege oder Unterführungen. Aber auch die stille Mitte einer vierspurigen Straße kann einen Reiz entfalten - wenn es einmal möglich ist, sie ungestört zu betreten. Dann steht man dort und merkt plötzlich, dass es Perspektiven auf Allzuvertrautes gibt, zu denen man sonst keinen Zugriff hat. Und wie viel Freiraum die Weite so einer gesperrten Straße eigentlich beinhaltet. Das geht nur am Tag des City-Marathons. Und das ist gut so. Man sollte so was öfters machen. J. G.


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