Im Bann des Balls

Stadtleben | Wolfgang Zwander | aus FALTER 18/08 vom 30.04.2008

NULLACHT Einschlägig Interessierten bietet ein Wiener Historiker jetzt Fußballtouren durch die Stadt an.

Fußballvereine aus Wien gehören nicht zu den besten Adressen Europas. Dass das einmal ganz anders war, zeigt eine simple Tatsache: Die 1924 eingeführte Profiliga war die erste Kontinentaleuropas. Nur die Briten kamen den Wienern zuvor. Überhaupt suchte die Fußballbegeisterung der Zwanzigerjahre ihresgleichen. Bedingt durch Massenarbeitslosigkeit fanden sich auf der Hohen Warte jeden Tag über 10.000 Fans ein, um der Vienna beim Training zuzuschauen. Mit Ausnahme der deutschtümelnden Turner war die Stadt fußballverrückt. Wer EM-bedingt auf den sporthistorischen Geschmack kommt, hat nun eine Anlaufstelle: Anlässlich des großen Ereignisses bietet der Historiker Karl Zillinger eine wöchentliche Tour an, die sich mit städtischer Fußballhistorie befasst. Dabei können nicht nur Touristen etwas lernen.

Zum Beispiel, dass der Ballhausplatz nicht nach einer Tanzveranstaltung, sondern nach einer von Maria Theresia errichteten Sportanlage benannt ist, wo sich adlige Damen bis ins 19. Jahrhundert Bälle zuwarfen. Der nahegelegene Heldenplatz hingegen steht für das Ende der sportlichen Glanzzeit: Während die Massen Hitler zujubelten, wurden unter jüdischem Einfluss stehende Vereine zerschlagen, etwa Hakoah Wien, erster österreichischer Profimeister. So wurde die Fußballkultur der Ersten Republik zerstört. Nur weniges überlebte den Zweiten Weltkrieg, obwohl noch jahrzehntelang alle Meister aus der Bundeshauptstadt kamen - erst 1965 gewann mit dem LASK ein Team aus den Bundesländern die Liga.

"Fußball- und Sporttradition in Wien"

jeden Freitag, 10 Uhr, vor der Touristeninformation neben der Albertina.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige