hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 18/08 vom 30.04.2008

Die Schmach noch schmachvoller machen, indem man sie publiziert…

…Ohne große Gefahr, uns zu irren, können wir behaupten, daß der Student (…) nach dem Polizisten und dem Priester das am weitesten verachtete Wesen ist, schrieb einst die situationistische Internationale. Polizisten werden mittlerweile hoch geschätzt, unter anderem auf Grund des Gerüchts, ihr Beruf wäre mit riesigen Gefahren verbunden (Bergarbeiter zu sein ist objektiv bei weitem gefährlicher), Priester haben's immer noch nicht leicht, und Studenten sind hauptsächlich Zielgruppe. Weil sie in Wirklichkeit schon längst alle an ihren Netzwerken für später arbeiten, dabei aber leider kommunikationsunfähig sind, hat eine Werbeagentur in Graz die verabscheuungswürdige Idee geboren, Werbeflächen auf Toiletten exklusiv für Studierende zur Verfügung zu stellen. Für Skripten, Bewerbungsangebote, Wohnungssuche, Partnersuche, Lernhilfe, Geburtstagsgrüße, oder auch einfach nur deinen persönlichen Lieblingswitz. Wer bescheuert genug ist, 9 Euro (pro Woche) dafür zu bezahlen, einen Witz auf die Wand eines Scheißhauses zu schreiben, der wird es im Leben außerhalb der Toiletten von Studentenlokalen eh nicht weit bringen. Während seine verspätete jugendliche Krise ihn etwas in Opposition zu seiner Familie bringt, so akzeptiert er ohne weiteres, in den verschiedenen Institutionen, die sein alltägliches Leben regeln, wie ein Kind behandelt zu werden.


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