Standpunkt

Falsche Strategie

Politik | aus FALTER 19/08 vom 07.05.2008

Gottfried Natschläger ist tot. Der 64-jährige Wiener ÖVP-Bezirkspolitiker starb vergangenes Wochenende im Spital, nachdem ihn ein junger Mann niedergeschlagen hatte. Der Zwanzigjährige war mit einem Freund auf Sauftour, unterwegs hatten sie wahllos Passanten angepöbelt. Ein Motiv dafür hatten sie nicht - außer dass sie "nicht gut drauf" waren, wie es ein Beamter ausdrückte. Derartig sinnlose Brutalität ist besonders erschreckend. Die ÖVP hat natürlich Recht, wenn sie jetzt Jugendgewalt thematisieren will. Aber gleich ein "hartes Durchgreifen" zu fordern, ist die falsche Strategie. Denn mit ihren Vorschlägen wie "Bootcamps" für jugendliche Straftäter, flächendeckende Videoüberwachung und einer Stadtwache würden die Schwarzen nur Symptome, nicht Ursachen bekämpfen. Selbsternannte Sheriffs, harter Strafvollzug, ständige Videoüberwachung - all diese Maßnahmen verringern nicht automatisch Kriminalität. London weist etwa die höchste Dichte an Videokameras auf, trotzdem passieren dort viele von Jugendlichen verübte Morde. Im Fall Natschläger stammten die Täter zwar aus Durchschnittsfamilien; aber wer sich die Biografie junger Gesetzesbrecher ansieht, wird häufig auf ähnliche Ursachen von Gewalt stoßen: Prügel von den Eltern oder fehlende Perspektiven. Wer Taten wie jene gegen Gottfried Natschläger verhindern will, muss schon dort ansetzen. Und nicht erst dann, wenn zugeschlagen wurde. I. B.


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