Phettbergs Predigtdienst

Längst nach dem Wechsel

Stadtleben | aus FALTER 19/08 vom 07.05.2008

Einer, dem Sie, Duhsubys, live beim Leben, Lernen und Irren zuschauen können, bin ich. Ich will es und ersehne es. Es wird heute Sonntag geschrieben, es läuft nun mein 56. Jahr. Und ich weine, dass es keine Gottheit gibt. Ohne Ende weine ich! Synchron weine ich, dass sich nie wer bereit erklärt, mich begeistert gegenzubegehren. Es findet sich einfach niemand. Globusweit. Derweil will ich darüber berichten, dass ich bereits nach meinem Wechsel ruhe! Ich muss ehrlich gestehen, dass "er" sich nimmer erhebt. Er gestattet zwar, dass die Jury, wie wir Buben das in Unternalb genannt haben, kommt, aber er erhebt sich nicht mehr. Früher wie ein Expresszug, der's eilig hat, in weitem Bogen herausschießend, heute träge herabrinnend. Aber sie kommt immerhin, die Jury. Jetzt habe ich endlich den Mut, es zu gestehen. Aber ich WILL es und will es! Das Sexuelle! Vor etlichen Jahren hab ich begonnen, darüber redlich nachzudenken, angestachelt durch die wochentägliche Ö1-Sendung "Von Tag zu Tag", wo zum Beispiel neunzigjährige Frauen ungeniert gestehen, dass sie es sehr gerne und jede Woche mit ihrem Partner machen. Immer zuerst die Frauen! Die sind die Mutigsten! Wir Mannsbilder sind immer hinterher im Emotionalen. Was hat die Menschheit nicht alles gemacht, um die Gottheit daran zu erinnern, dass es sie gäbe. Nach oben erigierte Kirchtürme zum Beispiel. Oh, wie gern bin ich im Moment schwul. Und sehne mich trotzdem nach einem Sohn, der mir helfen würde, nun im schlagangefallenen Alter. Darum weine ich nun, Duhsub. Er tut nimmer so, wie ich es gewohnt war. Es muss heraus. Ich muss lachen, anders ist es nicht zu ertragen. Der Vatikan gruppiert sich rund um einen Sphinxstein, wir gruppieren uns rund um das attraktivste Erhebende. Die attraktivste Persönlichkeit wird hoch erhoben und angebetet und begehrt. Das ist die schreckliche Wahrheit. Da kann ich flennen, um übers Knie gelegt zu werden. Er steht mir nimmer, Medikamente trau ich mir nicht nehmen. Ich renne seit 40 Jahren durch Wien und flehe ums Masochistseindürfen. Aber es wird Nein gesagt. Ich weiß nun, dass es keine Gottheit gibt.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.

Unter www.phettberg.at/gestion.htm ist wöchentlich neu zu lesen, wie Phettberg strömt.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige