Phettbergs Predigtdienst

Welche Lingua

Stadtleben | aus FALTER 20/08 vom 14.05.2008

Gini Müller präsentierte ihr Buch "Possen des Performativen". Sie begann in der VolxTheaterKarawane. Ich bin leider inkompetentest, das Buch zu rezensieren. Aber der reinste Zufall schwemmte mich zur Podiumsdiskussion am Karlsplatz, es regnete, und ich konnte mich unterstellen. Im Zuge der Diskussion bemerkte ich, dass der vor mir Sitzende eine rote Unterhose trug, die deutlich vorlugte unter ihren Bluejeans! Richtig verstanden, der mit den interessanten Bluejeans war eine Frau. Und ich, der ich mich in sexueller Not befinde, bin auf der Suche. Wir dürfen uns nichts vormachen. Gleich nachdem wir Obdach haben und uns nicht fröstelt, sind wir auf der Suche nach einem sexuellen Hilfswerk. Noch dazu, wenn du wie ich 55 bist und noch nie gegenbegehrt wurdest. Und nun zum dritten Mal der Bevölkerung die Chance anbietest, halbwegs präsentabel zu sein. Aber indem du eben schwul bist, brauchst du einen, der in dir lesen kann. Zuerst lesen wir in dem Outfit des Nächsten, gierig blättern deine Augen in den Augen des nächsten Passierenden! Lesen ist die Kompetenz jeder Person. Doch so wie Weinschmeckys eben mit dem Duett von Zunge und Gaumen sogar den Ried und den Jahrgang herauszulesen imstande sind, so ist es auch im Fühlbereich des Sexuellen: Jede Sekunde spielen wir vor den jeweils Passierenden mit. Die Augen blicken voll Hunger herum, ob was für den nächsten Augenblick zu erhaschen wäre. Ja, wenn die ersten Nöte halbwegs befriedigt sind, kommt das nächste Anliegen. Was liegt noch vor? Ist eine sexuelle Not? Sind wir gut kostümiert für den Augenblick? Entspreche ich der Mode, und stelle ich eine Bewegung dar, deren Teil ich gern wäre? So stellt die Gegenwart eine Art Gegenbewegung dar. Ist da niemand? So groß ist die Not. Es ist dringendste Zeit für die Aufnahme in den Katalog der Diakonien und Caritasbewegungen dieser Welt! Du leidest dein ganzes Leben in Sexnot. Bist satt und beheizt und mit Obdach, aber dein Herz ist unbehaust. Erich Fried dichtete: "Die ganze Welt funktioniert, aber meine Seele stirbt." Die Gesellschaft sagt, du stehst nicht im Katalog. Aber ich lebe jetzt und nicht in 100 Jahren.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.

Unter www.phettberg.at/gestion.htm ist wöchentlich neu zu lesen, wie Phettberg strömt.


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