Standpunkt

Reflexartige Häme

Politik | aus FALTER 21/08 vom 21.05.2008

Platsch! Und schon wieder ist Alfred Gusenbauer in ein Fettnäpfchen getreten, diesmal im fernen Argentinien. Sein Bonmot, dass "Senatoren" in Wien wohl nicht wie in Buenos Aires am Freitag vor Pfingsten um 16 Uhr noch arbeiten würden, wurde an der heimischen Medienbörse wie eine Staatsaffäre gehandelt. Die ÖVP empörte sich hastig, das BZÖ schrieb eine parlamentarische Anfrage und den Zeitungen war der - inhaltlich sicher nicht ganz unrichtige - Halbsatz des Kanzlers Leitartikel und Wochenendaufmacher wert. Besonders elegant war Gusenbauers "Scherzerl" vielleicht nicht. Die reflexartige, mit Häme aufgeladene Aufregung ist aber dennoch völlig überzogen - und ein Armutszeugnis für Österreichs Debattenkultur. Ihren Protagonisten scheint jegliches Gespür für Relevanz und Verhältnismäßigkeit im Urteil abhandengekommen zu sein. Stattdessen herrscht kindischer Haltungsnoten-Journalismus. Die Konsequenz ist eine fatale. Wenn Mikrofone und Kameras nur auf den nächsten Lapsus lauern, darf man sich nicht wundern, dass Staatsrepräsentanten immer mehr zu stereotypen Politdarstellern werden, die ihre vorgestanzten Aussagen vom Blatt lesen - oder sich gleich ausschweigen. Eine etwas gelassenere Öffentlichkeit hätte Gusenbauers Senatoren-Sager ganz einfach unter "amüsantes Detail" verbucht und sich den wesentlichen Themen zugewandt. B. T.


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