Phettbergs Predigtdienst

Gerechter Sagen!

Stadtleben | aus FALTER 22/08 vom 28.05.2008

Ich stieg aus einer alten Straßenbahn und kam ins Gespräch mit einer alten Frau. Sie war tief religiös, und ich begann zu weinen, wie es zu meiner Natur geworden ist. Denn ich kann mich absolut nimmer an eine Gottheit klammern. Ja, natürlich, sozial, sozialistisch, kommunistisch sein, global sein, grün sein! Absolut! Alle Schattierungen des linken Bereichs! Sofort! Ich kann ihren Tonfall nimmer hören. "Früher" war alles besser? Ich kann es nimmer hören. Ohne mit einem Ohr zu zucken, hat sie immer vom "Herrgott" gesprochen. Der Herrgott hört sie, wird ihr helfen und ist für sie da. In meiner Kindheit redete alles von "Gott", und ich legte mich hin und schlief. Die Mama, die heute ihren 95. Geburtstag hätte, hat immer gesagt, wenn es ans Sterben geht, musst du dich gehen lassen. Im Zweiminutentakt immer "Herrgott", "Herrgott", "Herrgott", wie auf einer Platte, die mich hypnotisiert. Und sie denkt nicht im Schlaf daran, dass sie auf diese Weise Milliarden Frauen beleidigt. Das ist doch ungerecht. Immer nur von Männern ist die Rede. "Mannsbilder", "Weibsbilder", "Jenseitsbilder", so könnt ich leben. Eben Bilder. Traumbilder. Hausmannskost. Allein das Wort "Weib" ist eines der Worte über Frauen. Es hat sich nicht in "Frauenbild" gewandelt. Ich kann übrigens nur "Unternalbisch". Es sind drei Orte gewesen, wo als ich Kind war: Unternalb, Obernalb, Retz. Als Kind waren die drei gleich weit voneinander entfernt. Jeweils zwei Kilometer lang zu hatschen. Frauenbild, Männerbild, Jenseitsbild. Ein Dreieck. Zwei Kilometer von jedem zu jedem! Jede Ortschaft von jeder anderen der drei gleich weit entfernt. Und jetzt gibt es keine Gottheit, nur mehr Retz. Es gibt keine Hausfrauskost? Warum aber gibt es eine Hausmannskost? So was kann ein Kind auf die Palme bringen. Die Industrie herrscht, die Männer herrschen und nur die Frauen, die sich angleichen, herrschen, mit - "HERR"-schen. Siehe "Er"-ektion: "Er" reckt sich. Wichtigtuerisch. Ich rede von meinem "Vata", weil die Mama heißt ja auch überall "Mama". Warum also nicht auch da Vata? Wir sind und bleiben ja ganz und gar Unternalb.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.

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