hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 22/08 vom 28.05.2008

Der letzte Tag im Mai

Eine sehr beliebte Eröffnung, vor allem für halbseriöse Kolumnen im deutschsprachigen Kleinfeuilleton, geht so: Was haben X und Y gemeinsam? Zum Beispiel: Amstetten und der Wiener Gemeinderatswahlkampf, oder: die Euro und das auffällige und besorgniserregende Bienensterben in diesem Frühling, oder: Bundespräsident Fischer und der deutsche Arzt Gottlob Moritz Schreber, dem wir die Schrebergärten verdanken? Sie haben leider gar nichts gemeinsam, aber bevor der Leser das merkt, ist in der Regel die Kolumne schon so gut wie vorbei, und mit ihr wieder durchschnittlich zwei Minuten Lebenszeit. Die kann man dann damit verbringen, über Schrebergärten nachzudenken, die derzeit ein beachtliches Revival erleben, weil sie sich vom kleinbürgerlich miefigen Image befreit haben. Während früher nicht jedes Ehepaar auch gleich einen Schrebergarten haben musste, weil das dann doch zu heftig gewesen wäre, muss heute nicht jedes Schrebergartenpärchen gleich heiraten, weil das übertrieben wäre. Übertrieben haben es auch die Punks diese Woche, die am Sonntag ein frischgebackenes Hochzeitspärchen, das mit Anhang durch den Stadtpark marschierte, mit Schmährufen eindeckten und mit obszönen Gesten belästigten, die an Masturbation erinnerten. Zur Verhinderung ebensolcher bei Kindern hat G.M. Schreber übrigens auch Geräte entwickelt, die sich aber nicht durchgesetzt haben.


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