Fragen Sie Frau Andrea

Der Deutsche

Stadtleben | aus FALTER 27/08 vom 02.07.2008

Liebe Frau Andrea,

mich quält folgende Frage: Warum bemühen sich viele Wiener gegenwärtig so sehr darum, aus mir - einem bisher eher fußballdesinteressierten Piefke mit nur rudimentärer nationaler Verwurzelung - einen Fan der unzuverlässig fußballspielenden deutschen Nationalmannschaft zu machen? Ich bin doch in diesen Dingen gar nicht kompetent! Bitte sorgen Sie für Entspannung!

Vielen Dank, Ihr Wolf Wohlgemuth

Lieber Wolf,

es scheint, Sie wurden Opfer inversiv-reversiven Chauvinismus. Der Österreicher (und in Maßen auch die Österreicherin) leidet unter einem fußballerischen Minderwertigkeitskomplex. Dieser ist angesichts der podospaeralen Fertigkeiten des Landes auch durchaus gerechtfertigt. Nicht im Traume fiele es dem Österreicher ein, das Land einem direkten Vergleich mit den großen Nationen des fußballerischen Könnens - Italien, Brasilien, Spanien oder England - auszusetzen. Ungeachtet dessen versetzt der Österreicher der eigenen Seele große Hiebe, indem er sich am großen Nachbar erigiert. Das liegt wohl daran, dass das fußballerisch affine Österreich die Sprache des Nachbarn zu sprechen vermeint. Und weil der Österreicher den Chauvinismus des großen Nachbarn sprachlich zu entschlüsseln weiß, antwortet er mit Verachtung und Missgunst. Allein durch ihre Sprache, lieber Wolf, setzen Sie sich diesem Mechanismus aus. Abhilfe gibt es nur im Symbolischen: Sprechen Sie Schwyzerdütsch, Friesisch oder Südtirolerisch, tragen Sie weißrot-karierte T-Shirts oder welche in Orange. Am besten jedoch immunisieren Sie sich dieser Tage mit einem Fernando-Torres-Leibchen.


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