Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 30/08 vom 23.07.2008

Im Rahmen des Schwerpunktthemas „Wiener Nächte“ beschrieb Andreas Oberndorfer die Lokalszene, vor allem die nächtlichen Rituale im zentralen Café Alt Wien. Er benützte dazu allerhand Stilmittel, etwa Lyrik von T. S. Eliot, brachte aber auch eigene Erfahrungen ein. Hier ein Ausschnitt aus seinem Bericht.

„Das Alt Wien ist ab 23 Uhr sicher einer der schwierigsten Arbeitsplätze, den ein Kellner in Wien haben kann. Die Gäste stehe in Trauben im Weg herum, außerdem wechseln sie dauernd ihren Standort. Die Organisation und Durchführung des Service ist eine bewunderungswürdige Leistung. Die Kellner wissen genau, welche Gäste sich ihre Konsumation noch merken können und welche sie auch wahrheitsgemäß angeben wollen. Alles andere speichern sie, Pero oder Niki, die beiden Brüder, die den Betrieb abwechselnd leiten (und die ihn mit Rudi Oswald gemeinsam besitzen), registrieren jede Bewegung eines Gastes von einem Kellnerrayon in den anderen.

Was ihnen aber die Hochachtung und den Respekt der Gäste am Unverbrüchlichsten sichert, ist ihre Kompetenz in der Auswahl derer, die sich dazugehörig fühlen dürfen. Es steht ihnen dafür ein umfangreiches Instrumentarium zur Verfügung: Ein freundliches Nicken markiert die erste Stufe, die der Stammgastanwärter (StGA) genommen hat. Es folgen: ein freundliches Servus, Ansprechen mit dem Vornamen, Einladung zum nächsten mitternächtlichen Fischessen, Mitteilung darüber, wohin sich die Belegschaft nach der Sperrstunde begeben wird (nebenbei gesagt: ein Lokal, das von den Alt-Wienern als Schlussstation erkoren wird, braucht sich um sein Geschäft nicht mehr zu sorgen), Begrüßung mit Handschlag, ein kurzes Gespräch, ein längeres Gespräch. Um derlei wird von den Gästen gebuhlt. Vor allem mit Treuebeweisen. Wer sich dem Kodex unterwirft, wird belohnt, und sei es mit einem Grappa nach der Sperrstunde.“

Und bezahlen durfte man für das Ganze auch noch! A.T.


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