Für die Fisch

Medien | Ingrid Brodnig | aus FALTER 30/08 vom 23.07.2008

Ich gestehe. Ich habe mich rastern lassen: Musikgeschmack von Last.fm online erfassen, Freunde auf MySpace sammeln, Videos auf YouTube stellen, ich war dabei. Anfangs sogar mit Begeisterung. Und bald darauf wieder abgemeldet. Weil man diese Online-Features gar nicht braucht. Ein Aha-Effekt, den ich hunderte Male erlebte. Und trotzdem fiel ich immer wieder darauf herein. Bis mir die Belanglosigkeit meines virtuellen Daseins erst so richtig bewusst wurde. Ich hatte mich gerade auf Facebook angemeldet und wollte über das Onlineportal mit Freunden in Kontakt bleiben. Doch statt sinnvolle Nachrichten auszutauschen, sendeten wir uns nur virtuelle Geschenke und Einladungen zu. Zuerst füllten wir gemeinsam ein Filmquiz aus. Dann luden wir uns auf ein virtuelles Bier ein.

Schließlich der Höhepunkt: Mein erster Fisch. Ich wollte gerade aussteigen, da schrieb mir Facebook: „M. has sent you a fish.“ Wie nett. Haustiere sind zwar nicht mein Ding – vermutlich wegen des frühen Todes meines Tamagotchis –, aber wer kriegt nicht gerne ein Geschenk? M., eine Freundin aus Slowenien, hatte mir das grinsende Flossentier geschickt. Es schwamm per Flash-Animation auf meiner Profilseite herum. Weil es ganz einsam in seinem Aquarium war, fütterte ich es erst einmal. Dann begann der Stress. Sind Fische Einzelgänger oder braucht meiner eine Freundin? Was schenke ich M. als Dankeschön? Auch einen Virtutier? Bloß welches? Den Goldfisch oder den Oktopus? Während ich darüber grübelte, verschickte ich nebenbei schnell eine Nachricht, staunte über die Fotos eines Freundes und aktualisierte mein Profil. Dann ein Blick auf die Uhr: Eine Stunde war vergangen, verlorene Lebenszeit für einen dummen Fisch! Seither fülle ich kein Filmquiz mehr aus und verweigere virtuelle Geschenke. Und der Fisch? Der ist verhungert.


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