Unter dem Ordnerbaum

Medien | Florian Klenk | aus FALTER 30/08 vom 23.07.2008

Es gibt Menschen, die jedes Mal, bevor sie ihren Rechner ausschalten, ihren digitalen Mülleimer leeren. Ich bin einer davon. Ein Laptoppedant, einer, der Ordnung hält in seinen Dateien, weil das Leben dadurch viel effizienter wird. Das ist die Sucht, die meine Nächte frisst, weil immer mehr Programme immer bessere Übersicht versprechen. Mögen andere lesen, schlafen oder die Nächte durchzechen, ich sitze schon den vierten Abend bis zum morgendlichen Vogelgezwitscher am MacBookPro und ordne meine I-Tunes-Bibliothek. Alle CDs habe ich nun hochgeladen, Albencover aus dem Netz gefischt, alle Lieder beschriftet – anders geht’s nicht. Und draußen tschilpt der erste Spatz. Ich versuche dann auch noch Kopien meiner Mails und Adressbücher zu ziehen, um sie auf Festplatten zu speichern, die ich vor Einbrechern verstecke. Diese Mails unterbrachen mich zwar im Büro ständig bei der Arbeit, aber ich will sie nun „exportieren“. Ist total einfach, sagen die Nerds. Seit einer Woche spiele ich damit erfolglos herum. Das hat mit Bill Gates und seinen Feinden zu tun, die sich nicht auf einheitliche Standards einigen.

Dann habe ich noch Google-Picasa heruntergeladen, es soll den Fotoaustausch vereinfachen. Sagt Google. Jetzt wachsen ständig neue „Ordnerbäume“. Dann lade ich mit Google Fotos in Webalben hoch, weil das ja eine viel schnellere Verbreitung von Familienfotos garantiert. Natürlich will ich jedes Bild mit einer Ortsmarke versehen und beschriften, damit meine persönliche Google-Map-Karte für spätere Generationen vollständig ist. So vergehen Nächte und hundemüde rede ich mir morgens ein, dass mein Leben nun effizienter geworden ist. Wie es enden wird? Irgendwann werde ich wieder Fotos mit Uhu in richtige Fotoalben kleben, meinen Walkman mit dem 90er-Bandl rausnehmen und mit der Hand auf Papier schreiben. Die Nerds schicken mich dann in die Psychiatrie.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige