Mein Brumm-Brumm

Medien | Barbara Tóth | aus FALTER 30/08 vom 23.07.2008

Ich habe mich verführen lassen. Von Sätzen wie „Haben Sie mein E-Mail nicht bekommen?“ oder „Aber das habe ich dir doch schon gemailt“. Mailen, das ist wie SMSen, nur noch eine Spur seriöser, mehr businesslike. Das signalisierte mir diese atemlose Bande aus Politik-Junkies, mit denen ich beruflich zu tun habe. Deshalb also ein BlackBerry auch für mich. Seit etwa einem halben Jahr habe ich mein „mobiles Büro“ immer dabei. Es vibriert in meiner Handtasche, wenn eine Nachricht ankommt. Es wummert, wenn der Mail-Server neue Briefchen reinlädt. Das Geräusch ist exakt gleich, so habe ich es eingestellt. Inzwischen bilde ich mir ein, sie dennoch unterscheiden zu können. Die E-Mails rutschen langsamer rein, indirekter. Vermutlich, weil der Zentralrechner meines Anbieters irgendwo in Taiwan steht.

Bei Geschäftsessen lege ich mein mobiles Büro wie einen Suppenlöffel neben meinen Teller. Zuerst dachte ich, das sei unhöflich. Inzwischen weiß ich, es ist eine Art Sekundärstatussymbol für all jene, die noch kein Sekretariat haben. Macht es beim Mittagstischgenossen Brumm-Brumm, zeigt sich an dessen Reaktion, wie relevant ich für mein Vis-à-vis bin. Er ignoriert es. Ich bin wichtig. Er blickt kurz aufs Display. Mittelwichtig. Er hebt ab. Unwichtig. Oder sein Chef ist dran.Momentan durchleben mein Brumm-Brumm und ich eine Phase der Ernüchterung. Es ist wie mit jedem Statussymbol. Ist die erste Freude vorbei, sieht man dessen Unzulänglichkeiten. Die nervige Dauererreichbarkeit, das Ende des klassischen Wochenendes – das gibt es für Journalisten eh nicht, schon gar nicht in Wahlkampfzeiten. Deshalb führen mein mobiles Büro und ich nun eine strikte Teilzeitbeziehung. Ich bestimme, wann gebrummt werden darf. Das funktioniert, weil mein BlackBerry nicht widersprechen kann. Anders als mein Chef.


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