FRAGEN SIE FRAU ANDREA

Der Lü

Stadtleben | aus FALTER 32/08 vom 06.08.2008

Sehr geehrte Frau Andrea,

ein Wort vom Rande unserer Gesellschaft verlangt nach Ihrer geschätzten Aufmerksamkeit: der Lü, häfnbrüderliche Umschreibung des Tschikstummels. Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem Zusammenhang die Wortschöpfung eines Klienten unserer Einrichtung: "Lü-Pecker", ein Obdachloser, der Zigarettenstummel vom Boden aufliest.

Benedikt Friedel, Kuturbeauftragter der

sozialmedizinischen

Drogenberatungsstelle Ganslwirt

Lieber Benedikt,

die Wiener Gaunersprache kennt den Zigarettenstummelsammler unter der Bezeichnung Tschikarretierer. Zum Ausdruck Lü-Pecker biete ich zwei erklärende Gedankengänge an: Ich erinnere mich an einen Schulkollegen, Kurzweil mit Namen, der sich Lütt nannte - denn dieses, so sagte er, sei plattdeutsch für klein, kurz. Lü für kurze Zigarette dürfte dennoch nicht aus Norddeutschland kommen, sondern aus der Regierung Kreisky. Lü war der Spitzname von Kreiskys parteilosem Verteidigungsminister Karl Lütgendorf, einem Exgeneral von auffallend kleiner Statur, der 1977 wegen Verwicklung in illegale Waffengeschäfte zurücktreten musste. Lütgendorf starb 1981 unter mysteriösen Umständen. Der offiziellen Version, Selbstmord durch Erschießen, stehen Gerüchte entgegen, die den Tod Lütgendorfs, der über Jahrzehnte höchste militärische und politische Kontakte pflegte, in die Nähe der Ermordung des ägyptischen Staatspräsidenten Muhammad Anwar as-Sadat rücken. Laut Lütgendorfs Sohn sei sein Vater während einer Jagdgesellschaft mit der Nachricht von Sadats Tod konfrontiert werden, kreidebleich geworden und habe gemeint, "er wäre der Nächste".


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