Standpunkt

Die Gretchenfrage

Politik | aus FALTER 34/08 vom 20.08.2008

Die Wiener Grünen haben ihre Kandidaten für die Nationalratswahl also festgelegt (siehe S. 16). Die wirkliche Sensation blieb dabei aus. Ziemlich erwartbar waren auch die Reden der meisten Kandidaten: Da wurde auf die erzkonservative ÖVP, die populistische SPÖ und den blauorangen Rest sowieso hingehaut. Doch kaum ein Bewerber gab zu, dass in den letzten 18 Monaten von der eigenen Partei so gut wie nichts zu hören war. Auch die grüne Gretchenfrage wurde nur selten gestellt. Wie halten es die Kandidaten denn mit der ÖVP? Darauf gaben nur jene Funktionäre eine klare Antwort, die dem linken Flügel angehören. Der Rest sprach das heikle Thema erst gar nicht an. Mag sein, dass dieses Schweigen ein taktisch kluger Schritt ist. Denn wenn die Grünen jetzt dezidiert eine Koalition mit der ÖVP ausschließen würden, könnten sie mitunter urbane, aber nicht ganz so linke Wähler verlieren. Würden sie hingegen dezidiert für eine Koalition mit den Schwarzen eintreten, könnten ihnen viele linke Stammwähler abspringen. Warum sollte man sich also vorab festlegen? Aus zwei Gründen: Erstens weil auch der Wähler wissen möchte, für welche Partei er am 28. September sein Kreuzerl macht. Und zweitens damit etwaige Koalitionsverhandlungen nicht daran scheitern, dass die Partei selbst es vorab versäumte, ihre Gretchenfrage zu beantworten. I. B.


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