Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 35/08 vom 27.08.2008

Die legendäre Serie von Titelblättern, auf denen Falter-Mitarbeiter posierten, fand einen Höhepunkt im Juli 1988, als wir die ständige Ausrufung von neuen Stilen durch die Hedonisten aller Zeitgeistmagazine parodierten (wir halten schließlich in den 80er-Jahren) und unsererseits einen neuen Stil kreierten: schäbig. Tex Rubinowitz gab das Cover-Model, aus seiner Hose lugte keck ein Exemplar der Amerikanischen Krankenhaus Zeitung, eines von ihm selbst gegründeten, leider nur wenige Ausgaben erlebenden Fanzines. Solchen Fanzines aus dem Falter-Umkreis widmete sich ein eigener Text im Blatt. Ein zweites behandeltes Fanzine war Chris Dullers Chelsea Chronicle; Duller war Falter-Musikkritiker.

Er schrieb zum Coverthema einen "Hüttenrundgang", begab sich also als Flaneur auf eine Nachttour durch schäbige Lokale vulgo "Grindhütten". Ein schönes Foto zeigte Duller gesenkten Hauptes vor einer Tür mit der Sprayaufschrift "Fuck Duller".

So niedrig hing das Thema natürlich nicht durchgehend. Helmut C. Mayer rückte ein hübsches Stück über Diderots Dialog "Rameaus Neffe" ins Blatt. Titel: "Von zerrissenen und geflickten Strümpfen". Untertitel: "Töricht, närrisch, unverschämt, gaunerisch, gefräßig. Rameaus Neffe ist fürwahr eine Kotseele".

Christoph Winder ließ sich da nicht lumpen und erforschte im Hauptartikel zum Themenschwerpunkt "The Art of Shabby Housing". "Paradigmenwechsel in der Wohnkultur", tönte es da. "Wo gestern noch Designermöbel und Neonröhren zeitgenössische Appartements schmückten, gelten heute abgeschlagene Zierleisten, besudelte Leintücher und Zigarettenkippen im Spiegeleirest als Dernier Cri. Der neue Trend aus den USA: mit Schmutz und Schmant in die 90er-Jahre." Alles nicht wahr, aber ziemlich witzig erfunden. A. T.


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