Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 36/08 vom 03.09.2008

… schrieb Franz Schuh einen ironischen Nachruf auf das literarische Wettlesen in Klagenfurt, den Bachmannpreis. Früher hatte er zu dessen schärfsten Kritikern gehört, nun aber, bekehrt, beklagte er, nicht zu viel, sondern zu wenig Showbusiness ruiniere den Preis. "Die Postmoderne ist eine Kulturinitiative, die es ermöglicht, unangenehme Fragen mit gutem Gewissen, ja triumphierend nicht zu beantworten! Aber sie schärft auch den Blick für die Show am Business, und dies ist das Schlimmste, was die Kritiker am Bachmannpreis angestellt haben; Ihnen ist es gelungen, die Veranstaltung zu zivilisieren. Die Dichter dürfen jetzt zurücksprechen -, und einmal war schon daran gedacht, das Publikum, miteinzubeziehen'.

An diesem Punkt endet natürlich die Humanisierung aller Lebensbereiche, aber es war schon zu spät. Als Konvertit sehne ich mich zurück nach der Barbarei des Ursprungs. Verschwunden (aus Klagenfurt) ist er, der Ober-Barbar, der herrliche Reich-Ranicki. Plötzlich erkenne ich, wie sehr er alles verkörperte, was der von mir nunmehr geliebte Preis bedeuten könnte: Bosheit, Anmaßung. Wüten, Affenliebe, Zuspruch - ein ganzes Spektakel unerhörter archaischer Theatralik. Der langweilige Schriftsteller Reich-Ranicki ist in der Rede ein Künstler. Als ihm Ginka Steinwachs ein paar Wörter für seine Eitelkeit ausstreute, wuchs er noch über diese hinaus, versammelte die Wörter zu ganzen Sätzen und sprach und sprach und sprach.

Diese Sprache war Kunst und wie jede wahre ließ sie sich nicht festhalten, und schon gar nicht von einem Text. Sie verflüchtigte sich in die Freiheit des einmal Gehörten und wie zufällig Gesagten. Nur in den Schallarchiven gibt es noch Frauen und Männer, die es sich nach Belieben vorspielen könnten, aber sie haben dort andere Sorgen, und so gerät in Vergessenheit, was einmal Inbegriff und Größe an Showbusiness des Bachmannpreises gewesen ist." A.T.


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