Fragen Sie Frau Andrea

St. Ferragosto

Stadtleben | aus FALTER 36/08 vom 03.09.2008

Liebe Frau Andrea,

vor zwei Wochen war ich in Drosendorf eingeladen, zu einer Veranstaltung von Jan Tabors Symposionistischer Internationaler. Bei meinem Rundruf durch alle Pensionen und Hotels der Stadt bekam ich immer wieder dieselbe Antwort: kein Zimmer frei, Ferragosto. Was ist denn da los im stillen Waldviertel?

fragt Sissi Cahon,

aus der Leopoldstadt

Liebe Sissi,

Ihr Drosendorfer Nächtigungswunsch kollidierte mit einer kalendarischen Besonderheit: Heuer fiel der 15. August, Mariä Himmelfahrt, auf einen Freitag, was automatisch zu einem superlangen Wochenende führte. Mit dem italienischen Ferragosto hat dieser Effekt nur die Augustmitte gemein. Das Fest der Feste, die Woche, in der sich ganz Italien auf die faule Haut legt, wird auch von der Assumption Mariens ausgelöst, hat ebenso alte wie profane Wurzeln: Nachdem Kaiser Augustus dem sechsten Monat des Jahres seinen Namen gegeben hatte, ließ er die römischen Feste anlässlich des Endes des landwirtschaftlichen Sommers, traditionell im September gefeiert, in die Mitte des Augusts, an den heißesten Tag des Jahres, legen. So kam der Höhepunkt des Sommers zu seinem Namen: Ferie Augusti, italianisiert Ferragosto. Essen, Trinken, sexuelle Exzesse, das Fest hatte es in sich. Das ganze Reich hatte frei. Auch die Sklaven. Ferragosto war so tief verwurzelt im Apenninenvolk, dass es die Kirche vorzog, dem Fest einen neuen Drall zu geben, die Himmelfahrt der Gottesmutter, als es wegen heidnischer Exzessimmanenz abzuschaffen.


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