Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 37/08 vom 10.09.2008

Ich hatte wieder einmal gegen die sogenannten Zeitgeistmagazine losgelegt, die gerade dabei waren, die Nachrichtenmagazine mit ihrem schicken Stil zu infizieren. Ich berief mich auf den Designguru der 80er-Jahre, den Engländer Neville Brody, der schrieb: "Hoffentlich bricht dieser ganze Lifestyle-Kram bald in sich zusammen. Hype ist vorbei. Jetzt muss es wieder um Inhalte gehen. Streng und klassisch. Anonyme Layouts."

Mein Mann, rief ich und erntete dafür einen langen Leserbrief von Lo Breier, dem berühmten Art-Director des Wiener und aktuell gerade von Tempo.

Breier erklärte mir freundlich, aber bestimmt, "dass man eine klare optische Sprache braucht, um in diesem Blätterwald gehört zu werden. Und dass, optisch gut verkaufen' nicht unbedingt was mit Kapitalismus zu tun hat."

So hatte ich es nicht gemeint, deshalb antwortete ich mit einem Kommentar im gleichen Heft und schrieb: "Lieber Lo Breier … deine Argumentation erinnert an eine Diskussion an der Uni Wien. Damals sagte Michael Hopp, Chefredakteur des Wiener (er war übrigens wesentlich schlechter angezogen als ich): Alles wird schicker, schöner, ein neues Lebensgefühl bricht an, warum sollen wir nicht auch die Zeitschriften schöner machen?

Ich antwortete, darum ginge es nicht. Nach Schönheit streben wir alle, die Frage ist nur, worin sie besteht. Es gibt eine Schönheit, die ist glatt, zufrieden und zu allerhand zu gebrauchen, man kann sie in der Werbung einsetzen, zur Dekoration und im Handwerk. Es gibt aber auch eine Schönheit der Differenzen und Dissonanzen, die sich einem nicht aufs Erste erschließt. Im Zweifel vermeidet sie den Effekt und zieht sich zurück. Sie hat etwas mit Erkenntnis zu tun. Um diese Schönheit muss man ringen. Deswegen ist sie als Verkaufshilfe unbrauchbar, und gerade deswegen erscheint sie mir besonders anziehend." Übrigens: Nächste Woche wieder einmal ganz schön neu: der Falter. A.T.


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