Phettbergs Predigtdienst

Credo am 17.8.08

Stadtleben | aus FALTER 37/08 vom 10.09.2008

Als Jugendlicher, im Jahr 1975, drang zu mir vor, dass die Holländys (Niederlande) den "Holländischen Katechismus" erfunden haben. Und darin die Formel: "Glauben wollen, heißt bereits glauben." Von diesem Moment an war ich erlöst. Denn von Kindheit an konnte und konnte ich mir nicht vorstellen, dass es oben drüber einen thronenden Gott gäbe. Ja, als wunziges Kind malte ich mir eine schöne Gottheit aus. Doch als ich das Gemälde im Kopf fertig hatte, kamen Kratzer. Das war meine Kindheit, keine Jugendrevolte oder Ö3 oder so was. Ich war strikt weinviertlerisch. Und dann kam der Holländische Katechismus, und bald der Falter. Das ist die Geschichte meiner Kindheit. Nun steh ich kurz vor der längsten Narkose meines Lebens. Mandeln, Blinddarm und Harnverhalten wurden durch kleine chirurgische Eingriffe behoben. Doch die Bauchfalte erfordert nun mindestens zwei Stunden plastisch-chirurgischen Eingriff. Jetzt steh ich da. Begehrt habe ich so oft, gegenbegehrt hat mich praktisch nie wer. Der Falter leistet sich seit dem 11. März 1991 eine Spalte, wo der naivste Städter jeden Mittwoch mitteilt, wie er sich heute fühlt. Er lässt mich walten. Als wäre ich Gott der Kolumne. Ich, würde ich glauben, dass mich andere Mensch einer Ansprache für würdig erachten. Allein das ist schon ein Traum für einen ewig Einsamen wie mich. Ich, der ich seit ewig Angst davor habe, heimzukommen. Panische Angst. Denn ein Komplex heißt ja deshalb "Komplex", weil er laut Sigmund Freud sehr kompliziert ist. Also für meinereins. Ich liebe es, betrogen zu werden. Ich hocke mich zum Gemälde und male mit. "Da fehlt noch ein Strich", sage ich mir, und da und da auch. Ich bin naiv. Dann kommt der nächste Schlaf und das Bild trocknet. Und was bleibt, sind Spuren. Schlafen ist der große Korrektor. Da ich nie gegenbegehrt wurde, bin ich der Einzige, der noch an Sex glaubt. Alle anderen sind abgebröckelt. Und ich alter Narr sitz noch immer vor dem Gemälde und feuchtle. Der Engste und Ärmlichste muss predigtdiensten. Seit dem 11. März 1991.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.

Unter www.phettberg.at ist wöchentlich neu zu lesen, wie Phettberg strömt.


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